BLIND GUARDIAN
10. 5. 1998 Berlin, Columbia Halle
Sonntag Abend 21 Uhr 42. In der Tempelhofer Columbia Halle ist das Saallicht erloschen. Begleitet von einem geheimnisvoll wummernden Gedröhn' erklingen vom Band die Stimmen der Shakespeare-Darsteller Norman Eshley und Douglas Fielding. Wenige Sekunden später hat sich der Saal in einen einzigen Fischerchor verwandelt. In den folgenden anderthalb Stunden zeigen BLIND GUARDIAN eindrücklich, warum sie seit Jahren zur Creme de la Creme der deutschen Heavy Metal-Szene gerechnet werden und in Japan und Südamerika Mega-Star-Status haben. Kraftvoll aggressive Gitarren-Soli werden von Mitgröhl-Refrains abgelöst. Auf gefühlvolle Balladen folgen mitreißende Speed Metal-Nummern. Gut 900 Zuschauer verfolgen das Geschehen. "Für Berlin eine beachtliche Zahl", kommentiert der Veranstalter. Zumal man an diesem Abend mit zwei weiteren Metal-Shows im Huxley's und im Potsdamer Waschhaus konkurrieren müsse.
Der möglicherweise wichtigste Mann an diesem Abend heißt Harry von Harscher, steht mitten im Saal fast unbeweglich hinter dem Mischpult und folgt dem Geschehen auf der Bühne mit gespannter Aufmerksamkeit. Die jüngste CD von BLIND GUARDIAN >>Nightfall in Middle-Earth<< hatte die Entwicklung der Band hin zu sieben- bis achtminütigen Mini-Symphonien mit bombastischen Chören konsequent fortgesetzt - ein Meisterwerk, das in mehreren Studios auf 120 einzelnen Tonspuren eingespielt wurde. Befürchtungen, daß die komplexen Arrangements von einem mörderischen Live-Sound bis zur Unkenntlichkeit platt gewaltzt würden, erweisen sich schnell als unbegründet. Harscher hat sein Zauberpult von der ersten Minute an so gut im Griff, daß Hansi Kürschs Gesang sogar textlich verständlich 'rüber kommt - bei Metal-Konzerten eine echte Rarität. Ebenso wie die deutlich artikulierten Ansagen, mit denen Kürsch, ein disziplinierter Profi, jeden Song humorvoll einleitet.
Das Publikum - bunt gemischt. Neben typischen Metal-Jüngern mit langer Haarpracht steht das nette junge Mädel von nebenan, neben 16-jährigen Jung-Metallern altgediente Hasen. Kein Wunder: die Bands, denen BLIND GUARDIAN in der Vergangenheit mit Anspielungen und Cover-Versionen ihre Referenz erwiesen haben, heißen URIAH HEEP SCORPIONS oder QUEEN. Und als QUEEN-Adaption mit der Power und Aggressivität der '90er läßt sich der bombastisch-epische Power-Metal des Krefelder Quartetts vielleicht am besten umschreiben. Nach einer guten Viertelstunde überprüft Sänger Hansi Kürsch, der erstmals darauf verzichtet hat, selber den Baß zu spielen, die Hausaufgaben. Das Publikum besteht den Test glänzend. Obwohl das neue Album erst wenige Tage auf dem Markt ist, kann Kürsch sich nahezu darauf beschränken die Einsätze zu geben. Die Texte sitzen von vorne bis hinten.
Um Viertel nach Elf erklingen wieder die Stimmen der Shakespeare-Interpreten. Das Outro der >>Nightfall ...<< -CD begleitet die Gäste aus der Halle, denen nachdrücklich bewiesen wurde, das auch ein Heavy Metal-Konzert mehr sein kann, als ein dröhnendes Soundchaos.
Norbert von Fransecky